Dienstag, Januar 19th, 2010
Meine lieben Kinofreunde,
ich muss mich dafür entschuldigen, dass ich mich so lange nicht mehr zu Wort gemeldet habe, aber ich habe mir über die Feiertage eine kleine Auszeit gegönnt und bin jetzt wieder voller Elan bei der Sache. In diesem Sinne „Frohes neues Jahr“ und was für ein Kinojahr es anscheinend werden wird. Wir erleben in den nächsten Wochen, dass „Titanic“ als erfolgreichster Film aller Zeiten abgelöst wird. Damit würde James Cameron die beiden ersten Plätze in der Liste belegen. Außerdem ist es wahrscheinlich, das die Erfolgsgeschichte deutsch-österreichischer Produktionen nach Cannes und den „Golden Globes“, bei den Oscars weitergeht. Damit wären wir auch schon beim heutigen Thema.
Die so genannte „Award Season“ hat begonnen. Start war gestern bzw. heute Nacht mit den 67ten Golden Globes. Ich mache mir mit dieser Aussage sicherlich nicht nur Freunde, aber eins muss man den Amerikanern lassen, sich selbst und die Branche inszenieren, das können sie einfach. Die Golden Globes werden auch gerne das Wohnzimmer der Stars genannt, denn nirgendwo sonst sind sie so ausgelassen und entspannt und nirgendwo sonst ist die „Superstar mit Millionen Einkünften Dichte“ pro Quadratzentimeter größer, als im Beverly Hilton Hotel. Doch so einfach ist das Ganze natürlich nicht, nicht jeder Star kann mit dem anderen. Eitelkeiten stehen an der Tagesordnung und deshalb gibt es eine strenge Sitzordnung, über die, die Mitglieder der Foreign Press Association streng herrschen, denn sie kennen die Hackordnung, besonders in Hollywood, ganz genau. Die Presse heute morgen war sich, ob der Veranstaltung, mal wieder einig: „Eine dröge Verleihung, ohne große Überraschungen“. Völliger Quatsch, was wird denn immer erwartet: Dass Halle Berrys Trägerkleid aufplatzt, George Clooney Jeff Bridges eine reinhaut, weil der die Trophäe vor seiner Nase weggeschnappt hat, oder Meryl Streep sagt: Nee, vielen Dank Foreign Press Association, ich habe schon 6 Golden Globes, einen siebten brauche ich nicht, deshalb gebe ich meinen Preis an eine meiner Konkurrentinnen.
Ich fand die Veranstaltung sehr amüsant. Ricky Gervais, ein Mann der bekanntlich kein Blatt vor den Mund nimmt, hat ein paar großartige Moderationen abgeliefert. Wer kommt schon mit einem Bier und offenem Smoking Hemd auf die Bühne und sagt: „Hey, cheers, sorry about that, but I love to drink, just like our next guest: Mel Gibson“. Rock N Roll, mit einer Menge an entgeisterten Gesichtern im Publikum. Mel Gibson nahm es mit Humor, was blieb ihm auch anderes übrig. Von Schönheitsoperationen, bis hin zur Eigenwerbung für seine Shows, ließ Ricky kein Thema aus. Er hätte ruhig noch mehr moderieren dürfen.
Aber ein paar echte Nervfaktoren gab es trotzdem:
No.1: Bei Pro7 prangte oben rechts am Bildschirmrand das „Live“ Icon. Dass es alles andere als live war, sah man an den Zwischenschnitten bei den Laudatoren. Kein Fehler von Pro7 in diesem Fall, sondern die immer noch über allen amerikanischen Veranstaltungen schwebende „Nipplegate“ Affäre, die die amerikanischen Fernsehsender übervorsichtig gemacht hat. Damals entblößte Justin Timberlake Janet Jacksons Brust in der Super Bowl Halftime Show und fast die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung viel bei so unglaublich viel Sex im Fernsehen in Ohnmacht. Seitdem sendet man angebliche Liveshows zeitversetzt, um direkt schneiden zu können, wenn ein Star vor lauter Emotionen einen moralischen Fehltritt macht. Das ist auf neudeutsch gesagt: Scheiße, besonders wenn es auch noch so schlecht gemacht ist.
No. 2: Das Gewinner wie Sandra Bullock oder Jeff Bridges besoffen vor Glück über den Gewinn der Trophäe waren und Cast und Crew von „Hangover“, nach dem Triumph für ihren Film, einen richtigen „Hangover“ hatten, auch schön, aber was war bitte mit dem Regisseur und den Kameramännern los?! Waren die bekifft und volltrunken?! Einige Kameraeinstellungen und vor allen Dingen Bildfahrten waren eine Katastrophe und nervig, wenn von George Clooney gesprochen wird und Leonardo DiCaprio im Bild auftaucht, ist das peinlich.
Ansonsten muss man die kleinen Dinge zu schätzen wissen. Z.B. als Bradley Cooper und Co. „Hangover“ in der Kategorie „Bester Film Comedy“ vorstellen und Mike Tyson, der noch breiter seit seinem letzten Kampf geworden ist und mit seinem Gesichts Tatoo aussieht, wie ein Schwerverbrecher, mit Fistelstimme lispelnd ins Mikro säuselt: This is the „Hangover“. Da konnte ich nicht mehr vor Lachen. Oder Sandra Bullock auf Deutsch Ihre deutschen Verwandten ins Bett schickt. James Cameron auf Navii, nach seinem ersten von 2 Golden Globes seinem Team dankt und uns glauben machen will, er hätte nicht damit gerechnet, einen Preis als Bester Regisseur zu gewinnen, da seine Ex-Frau Kathryn Bigelow es viel mehr verdient hätte. Sir Paul McCartney die Kategorie „Best Animated Picture“ mit den Worten anmoderiert: „Animated movies are not only something for kids, but also for grown ups, who take drugs“. Das gucke ich mir gerne an. Vor allen Dingen finde ich es super, dass man die Freude und den Stolz der Preisträger spüren kann. Alle sprechen davon, dass sie den besten Job der Welt haben und das freut einen. Zwischendurch wird immer wieder gesappelt, Leute werden begrüßt und umarmt und alle haben einfach richtig Spaß.
Und dann kamen natürlich
noch die großen Momente der deutsch-österreichischen Filmgeschichte. Keiner hatte daran gezweifelt, dass Christoph Waltz einen Golden Globe für seine Darstellung des Nazischergen Hans Landa in „Inglourious Basterds“ erhalten würde. Dennoch war es ein toller Moment, als sein Name unter Jubelrufen genannt wurde und er sich mit einer exzellenten Rede vor allen Dingen bei Quentin Tarantino bedankte. Er wird auch den Oscar bekommen, denn keine schauspielerische Leistung ist in diesem Kinojahr so eindeutig überragend gewesen wie die seine. Michael Hanekes Leistung war nicht so bunt und laut, aber genau das hat ihm auch die Auszeichnung eingebracht. Bedrückend, bildgewaltig und erschütternd ist sein Film „Das weiße Band“ und deshalb auch zu recht ein Anwärter auf den Academy Award am 7ten März.
Was gibt es sonst noch zu sagen: Schön, dass Drew Barrymore gewonnen hat, aber Ihre Dankesrede war etwas wirr und nervig. Robert Downey Jr. ist jetzt definitiv wieder im Hollywood Olymp, nachdem er, wie er selbst sagte, hunderte von Chancen nicht ergriffen hatte. Die Lebensabschnittspartner wurden von den Gewinnerinnen und Gewinnern mit Liebesbekundungen bedacht, was sie alle zu Tränen rührte. Modisch gab es bis auf das knappe Kleid von Julia Roberts, das „selbstgebatikt“ aussah, keine Fehltritte. Alle waren braun gebrannt, erholt und gut drauf. Mir hat die Veranstaltung sehr gut gefallen, vor allen Dingen, weil ich nicht erwartet habe, das unglaubliche Skandale aufgedeckt werden, oder Entscheidungen fallen, mit denen keiner gerechnet hat. So eine Veranstaltung ist eine Wundertüte, wenn man gleich von vornherein sagt, was man haben will, ist man immer enttäuscht, man muss sich überraschen lassen, dann macht es mehr Spaß.
In diesem Sinne, passt auf Euch auf.
Bis nächste Woche,
Euer Steven Gätjen
Tags: Avatar, Christoph Waltz, Das weiße Band, George Clooney, Hangover, Inglourious Basterds, James Cameron, Jeff Bridges, Michael Haneke
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